Die politisierte Gesellschaft? Politik, Emotion & Protest

Vom 25. bis 27. September veranstaltet die Deutsche Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft erneut eine Fachtagung, in diesem Jahr an der Leibniz Universität Hannover. Sie richtet sich unter dem Titel ‚Die politisierte Gesellschaft? Politik, Emotion & Protest‚ explizit an Studierende und ihre wissenschaftliche Arbeiten. Der Call ist hier auch als PDF zu finden.

Die politische Gegenwart scheint auf eine umfassende Repolitisierung gewohnter Ordnungsvorstellungen hinzuweisen: Wir erleben, wie sich die Revolte der Gelbwesten («Gilets jaunes») gegen die neoliberale Politik der französischen Regierung und Emmanuel Macron stellt. Die Umsetzung des Menschenrechts auf Asyl und eine gemeinsame europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik bleibt auch heute hart umkämpft. Fragen des Klimawandels werden sowohl anhand umstrittener Schadstoffgrenzwerte und Mobilitätsformen debattiert als auch in den Forderungen nach einer nachhaltigeren Energie- und Umweltpolitik angesprochen. Auf internationaler Ebene erleben wir die Zunahme politischer Konflikte, etwa in Form der Aufkündigung des INF-Vertrags, die aktuellen Sanktionen gegen Iran oder der Kritik am chinesischen Seidenstraßen-Projekt. Wie die aufgeregten Diskussionen um Datenschutz, künstliche Intelligenz und autonome Systeme verdeutlichen, wird die politische Ökonomie zukunftsweisender Technologien zum politischen Thema.

Im Hintergrund dieser Auseinandersetzungen zeichnet sich ein Formwandel der Demokratie ab. Der Aufstieg rechtsautoritärer Parteien und nationalistischer Bewegungen verweist auf die Gefährdung demokratischer Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz oder Gewaltenteilung. Demgegenüber steht das Insistieren auf eine globale, freiheitliche und solidarische Politik. Dieser Polarisierung begegnen wir sowohl in unseren Parlamenten als auch auf den Straßen, wie uns die Vorfälle und Demonstrationen in Chemnitz gezeigt haben. Oder leben nur althergebrachte Debatten wieder auf, wie sie sich beispielsweise in der Wiederentdeckung des Konservatismus offenbart? Im Zuge der Emotionalisierung und Polarisierung der politischen Öffentlichkeit werden Ordnungen und Funktionszusammenhänge zwischen Demokratie, Rechtsstaat und Medien offensichtlich zur Disposition gestellt. Ob dies mit einer Repolitisierung oder gar dem Gegenteil, der Entpolitisierung von Politikfeldern, Themen und Subjekten einhergeht, bildet das Thema dieser Fachtagung. Entlang einiger sozial- und politikwissenschaftlicher Themenbereiche nehmen wir uns gemeinsam dieser und weiterer Fragen an und laden zur gemeinsamen Diskussion. Zu den möglichen Themenkomplexen gehören etwa:

 

Theorien der Politisierung

Wird die politisierte Gesellschaft thematisiert, bildet die Reflexion dieser Zuschreibung einen entscheidenden ersten Schritt. Grundsätzlich lassen sich mit zwei Varianten der Politisierung unterscheiden: Zum einen beschreibt Politisierung den Transport von Problemlagen in die Sphären der politischen Öffentlichkeit und der Entscheidungsfindung. Auf der anderen Seite ist dem Begriff auch eine normative Dimension inhärent, indem er reflexiv auf Veränderungen der Denk- und Handlungsweisen in der demokratischen Kultur verweist: Wie lassen sich (Ent-)Politisierungsverläufe theoretisch fassen? Unter welchen Bedingungen gelten Subjekte und Gegenstände als politisiert? Haben wir es angesichts der Postdemokratie-Kritik gar mit entpolitisierten Subjektivitäten und Politikarenen zu tun? Welche Sphären des Politischen befördern oder hemmen Politisierungsprozesse und inwiefern ist die Kategorie hilfreich für die Analyse?

Wahlen, Einstellungen und politische Kultur

Die empirisch-analytische Sozialforschung leistet im Bereich der Wahl- und Einstellungsforschung spannende Daten. Herrschte über Jahrzehnte die Diagnose, Bürger*innen seien politikmüde, dass sowohl die Wahl- und Politikverdrossenheit als auch die Quote der Nicht-Wähler*innen steige, so erleben wir gegenwärtig oft gegenteilige Tendenzen. Politische Beteiligung nimmt zu und äußert sich zunehmend abseits von Wahlen. Welche soziografischen Faktoren und sozialpsychologischen Mechanismen können diese Zusammenhänge erklären? Welche Rollen spielen dabei (politische) Kultur und Sozialstruktur? Sind Polarisierung und Politisierung Nebenprodukte von zunehmend segregierten Gruppen (echo chambers), oder nehmen wir die politische Öffentlichkeit als polarisierter wahr als sie tatsächlich ist? Ab wann lässt sich in diesem Zusammenhang überhaupt von Politisierung sprechen?

Politisierung der Weltgesellschaft

Kurz vor der Jahrtausendwende wurde das „Regieren jenseits des Nationalstaates“ (Zürn) zu einem Forschungsparadigma, das die Internationalen Beziehungen bis heute bestimmt. Doch nur ein Jahrzehnt später erleben wir, wie Sehnsüchte nach den alten Nationalstaaten und deren Grenzen wachsen. (De-)Zentralisierungsprozesse werden plötzlich politisiert, ausgemachte Errungenschaften der Globalisierung werden in Frage gestellt – der Brexit verdeutlicht dies. Die Gespräche auf der koreanischen Halbinsel signalisieren Entspannung, während anderweitig nationalistische Positionen und Signale der Konfliktbereitschaft zu vernehmen sind. In welcher Weise ist die Neuformierung der multipolaren Weltordnung von Politisierung geprägt? Wo bieten sich neue Gestaltungsspielräume internationaler Zusammenhänge, wo werden verrechtlichte Konfliktpotentiale erneut zur Disposition gestellt?

Protest und Emanzipation

Dass wir in einer „Bewegungsgesellschaft“ (Neidhart/Rucht) leben, bildet seit zwei Jahrzehnten eine Grundannahme der Sozialen Bewegungsforschung. Tatsächlich sind es gerade Proteste, die sozialen Wandel und Emanzipationsprozesse vorantreiben. Zugleich lässt sich allerdings beobachten, dass mehr und mehr Protestereignisse ohne sichtbare Konsequenzen bleiben. Gerade die Auseinandersetzung um §219a oder das Paritätsgesetz des brandenburgischen Landtags offenbart, wie umstritten die „Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“ (Adorno) bleibt. Sinkt die Politisierungsfähigkeit von Protestbewegungen? Werden emanzipatorische Prozesse immer von Politisierung begleitet?

Polarisierung in der digitalen Öffentlichkeit

Der digitale Wandel wurde lange damit verbunden, den Transport von Sachverhalten, Meinungen und (persönlichen) Daten in die politische Öffentlichkeit zu erleichtern. Gleichzeitig scheinen Prozesse der Wahrheitsfindung und des Meinungsaustauschs diffuser zu werden, während Falschmeldungen, radikale Positionen und populistische Akteure mehr Aufmerksamkeit erlangen. Wie gestalten sich Politisierungsprozesse in und über digitale Medien? Haben wir es plötzlich mit neuen Formen des Populismus zu tun? Gleichzeitig wird die Digitalisierung selbst zum politischen Streitthema, wenn von Datenschutz oder künstlicher Intelligenz gesprochen wird. Welche Tendenzen können in der öffentlichen Debatte über den Gebrauch von Daten ausgemacht werden und wie lassen sich Daten für Gutes nutzen?

 

Die Fachtagung der DNGPS möchte theoretische Ansätze mit empirischer Forschung in einen Austausch bringen, um zu neuen Perspektiven und Einsichten zu gelangen. Willkommen sind Beiträge von Bachelor- und Masterstudierenden sowie Promovierenden (in der Anfangsphase) aus den unterschiedlichen Fachdisziplinen der Politik- und Sozialwissenschaften.

Schickt Eure Abstracts mit max. 300 Wörtern sowie einer kurzen Selbstbeschreibung auf Deutsch oder Englisch bitte bis zum 30.06.2019 an fachtagung@dngps.de. Die allgemeine Konferenzsprache ist Deutsch, Vorträge können aber ebenfalls auf Englisch gehalten werden. Eine Möglichkeit zur Reisekostenrückerstattung ist geplant. Weitere Fragen könnt ihr gerne jederzeit per Mail an uns stellen. Alle Informationen erhaltet ihr auch unter: www.dngps.de.

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