CALL FOR PAPERS

Unsere Gegenwart ist gefährdet, unsicher und prekär: Von flexiblen Arbeitsverhältnissen zum befristeten Aufenthaltsstatus; von bedrohten Lebensformen zu flüchtigen Kollektiven, die die Straßen und Plätze besetzen; von der Beschleunigung der Gesellschaft zur Instabilität globaler Ordnung. Selten schien eine Diagnose einleuchtender. Die Verhältnisse erscheinen wackelig und flüssig, Ordnungen und Identitäten lösen sich auf, noch bevor sie sich verstetigen können. Das Flüchtige zeigt sich dabei immer weniger als Ausnahme, vielmehr scheinen alle politischen und sozialen Konstellationen permanent gefährdet.

Beobachten wir also den Niedergang von Ordnung im Allgemeinen? Oder etablieren sich Gefährdung, Unsicherheit und Prekarität selbst als neue Formen der Ordnung? Und was heißt das eigentlich, prekär? Was bedeutet unsicher? Wie können wir diese gefährdeten Konstellationen denken? Wie können wir sie analysieren, beschreiben und erklären?

Auf der Fachtagung sollen unterschiedliche Perspektiven auf Gefährdung, Prekarität und Unsicherheit zusammengedacht werden. Zu den möglichen Themenkomplexen gehören:

Ausnahmezustand und Unsicherheit. Lokale, nationale und globale Politik nimmt zunehmend die Form des Ausnahmezustands an. Sie greift dafür auf Mittel zurück, die eigentlich außerhalb ihrer selbst liegen. Die Ordnung funktioniert gewissermaßen durch ihr eigenes Aussetzen. Der Ausnahmezustand verweist dabei auf die Sicherheit, die gefährdet ist, und die Unsicherheit, die minimiert werden soll. Wie können wir Herrschaft als permanenten Ausnahmezustand denken? Wie legitimiert sich dieser Zustand? Welche Rolle spielen die Ideen von Sicherheit und Unsicherheit? Und können wir den Ausnahmezustand tatsächlich beobachten?

Mobilität und Kontrolle. Die globalen Migrationsbewegungen zeigen die Instabilität globaler, europäischer und nationalstaatlicher Grenzregime auf. Die Mobilität ist dabei selbst eine höchst prekäre Praxis. Während die Migration die nationalstaatliche Ordnung mit ihren Autonomiebestrebungen und ihrer Eigensinnigkeit in Frage stellt, fordern Parteien und völkische Bewegungen die Kontrolle dieser Mobilität. Wie lassen sich die prekären Phänomene der Migrationsbewegungen und ihre Kontrolle denken und beschreiben? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Welche Formen von Mobilität und Kontrollmechanismen können wir analysieren und erklären?

Prekäre Arbeit und Ungleichheit. Befristete Beschäftigungsverhältnisse, unsichere Arbeitsbedingungen, ungleiche Bezahlung und die Herausbildung des so genannten Prekariats: In Frankreich wird gar von einer ‚génération précaire‘ gesprochen. Als komplexe Phänomene wirken sich Prekarität und Ungleichheit zum Beispiel ökonomisch, politisch, gesellschaftlich oder geschlechtlich aus. Ist das Prekariat eine neue soziale Gruppe oder lassen sich historische Vorläufer finden? Welche gegenwärtigen Konstellationen des Prekären lassen sich identifizieren? Welche Auswirkungen hat die Prekarisierung? Welche Subjektivierungsformen gehen mit der Prekarisierung einher? Wie sieht unsere Arbeit und der Sozialstaat der Zukunft aus?

Unsichere Identitäten und Protest. Prekarität heißt auch, dass alle Identitäten und Lebensformen tendenziell gefährdet sind. Vielleicht ist sogar das Leben an sich gefährdet. In der Welle der globalen Protestbewegungen stellt sich deshalb die Frage, wer dieses ‚wir‘ eigentlich ist, das auf den Straßen und Plätzen steht. Was heißt es für Protest und Widerstandsformen, wenn sich soziale und geschlechtliche Identitäten als fundamentlos erweisen? Was heißt politische Identität vor dem Hintergrund radikaler Unsicherheit? Welche Lebensformen können vor dem Hintergrund der Prekarität bestehen und sich entwickeln? Wie können wir prekäres kollektives Handeln denken?

Die Fachtagung möchte theoretische Ansätze mit empirischer Forschung ins Gespräch bringen, um zu neuen Perspektiven und Einsichten zu gelangen. Sie soll Studierenden und Promovierenden ein Forum bieten, um ihre wissenschaftlichen Ideen zu präsentieren und vor einem Fachpublikum zu diskutieren.

Willkommen sind Beiträge von Bachelor- und Masterstudierenden sowie Promovierenden (in der Anfangsphase) aus den unterschiedlichen Fachdisziplinen der Sozialwissenschaften: Politikwissenschaft, Soziologie, Sozial- und Kulturanthropologie, Kulturwissenschaften, Gender Studies, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften etc. Darüber hinaus ist ein Ausstellungsraum für Beiträge geplant, die das Thema künstlerisch bearbeiten.

Die 6. Fachtagung der Deutschen Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft e.V. (DNGPS) wird mit Unterstützung der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft von der AG Politische Theorie in Zusammenarbeit mit dem Barbara Budrich Verlag und der SOWI Fachschaft organisiert.

WER UND WAS?
PROGRAMM

Die Fachtagung findet vom 22.-24. März an der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Das Programm beginnt am Mittwoch um 13 Uhr und endet pünktlich zum Wochenende. Die jährliche Mitgliederversammlung der DNGPS tagt am Freitagmorgen und ist für alle Interessierten offen.

Wir freuen uns sehr, dass wir Prof. Dr. Oliver Marchart (Uni Wien) für die diesjährige Keynote gewinnen konnten. Mit seinem Vortrag wird er am Mittwochabend einen theoretischen Rahmen für das weitere Programm bieten. Am Donnerstagabend diskutieren wir im Podium mit Sanna Hübsch (unter_bau), Britta Ohm (Uni Bern) und Peter Ullrich (NGAWiss, TU Berlin) zum Thema ‚Prekäres Arbeten (in) der Hochschule‘. Zudem wird es erneut einen Workshop mit Barbara Budrich vom gleichnamigen Verlag geben.

Wir laden alle Interessierten herzlich zur Fachtagung ein und freuen uns über euer Erscheinen. Für die weitere Organisation bitten wir um eine kurze Anmeldung mit eurem Namen und Institution an fachtagung@dngps.de.

 MITTWOCH, 22.03.2017

12-13 Uhr | ANMELDUNG
13-15 Uhr | PANEL 1: DIE UNSICHERHEIT DES SOZIALEN

David Jöckel (Uni Hagen): Doppelte Kontingenz und Iterabilität. Luhmann und Derrida über Unsicherheit als Fundamentalproblem des Sozialen
Felix Kämper (Uni Frankfurt am Main): Nietzsche, Lazzarato und die Subjektivierung durch Verschuldung
Sebastian Berg (Uni Trier): Das politische Subjekt der Moderne: Prekäre Identität und demokratische Emanzipation

15-17 Uhr | PANEL 2: WIDERSTAND, PROTEST UND PREKARITÄT

Susanne Pawlewicz (TU Darmstadt): Verunsicherung als Haltung. Perspektiven von Widerständigkeit in prekären Verhältnissen
Christopher Wimmer (HU Berlin): Prekariat und Widerstand. Risiken und Chancen bei der gewerkschaftlichen Organisation in prekären Beschäftigungsverhältnissen
David Niebauer (FU Berlin): Grenzen durch Citizenship – Grenzen ihrer Kontestation: Zur Ambivalenz von Geflüchtetenprotesten

17-18 Uhr | TREFFEN DER DNGPS ARBEITSGRUPPEN

Offen für alle Interessierten!

19 Uhr | OFFIZIELLE BEGRÜSSUNG & ABENDVORTRAG

Prof. Dr. Oliver Marchart (Uni Wien): Demokratie und Prekarisierung

DONNERSTAG, 23.03.2017

10-12 Uhr | PANEL 3: STADT – RAUM – POLITIK

Martin Meyer & Michael Reiche (Uni Weimar): Urban Commons als gefährdete Konstellation
Rabea Berfelde (FU Berlin): Recht auf Stadt und Radikale Demokratie
Patrick Reitinger (Uni Bamberg): „Aus der Idylle entspringt der Zorn“: Geographische Gedanken über den Rechtspopulismus in Deutschland und Europa

12-14 Uhr | WORKSHOP: WISSENSCHAFTLICHES PUBLIZIEREN

Workshop zum wissenschaftlichen Publizieren mit Barbara Budrich (Budrich Verlag)

12-14 Uhr | PANEL 4: DIE ÖKONOMIE DES PREKÄREN

Alexandra Seehaus (Uni Frankfurt am Main): Kontinuitäten im Wandel sozialer Ungleichheit. Zur Verbindung von Klassenanalyse und Prekarisierungsforschung
Tobias Schottdorf (Uni Lüneburg): Ein neuer Klassenkampf? Über Prekarisierung und sozialen Protest im Zeitalter des flexiblen Kapitalismus
Florian Buchmayr (FU Berlin): Informalität als Herrschaftsform – Eine Diskursanalyse der deutschen Arbeits- und Sozialpolitik

15-18 Uhr | PANEL 5: PREKÄRE ARBEIT UND GEFÄHRDETES LEBEN

Tina Talman (HU Berlin): Lehrbeauftragte in den Hochschulen – prekarisiert, marginialisiert, resigniert?
Nicolas Morgenroth & Nils Teichler (HU Berlin): Entfremdung und Entgrenzung – Folgen der Prekarisierung der Arbeit?
Florian Engel (HS Fulda): Alles andere als eine Hängematte. Familiale (Aus-)Handlungspraktiken von Krisen und Ängsten unter dem Eindruck des Grundsicherungsbezugs
Jana Jenßen, Janine Kuechold, Nastasja Rostalski & Daria Rybakova (HU Berlin): Prekärer Lebenszusammenhang? Eine Untersuchung des Lebenszusammenhangs von vielfachpflegenden Frauen
Julia Bringmann (HU Berlin): Alles (un)gerecht?! Die Gerechtigkeitsvorstellungen prekär Beschäftigter mit Blick auf den ganzen Lebenszusammenhang

19 Uhr | PODIUMSDISKUSSION: PREKÄRES ARBEITEN (IN) DER HOCHSCHULE

mit Sanna Hübsch (unter_bau), Britta Ohm (Uni Bern) und Peter Ullrich (NGAWiss, TU Berlin)

FREITAG, 24.03.2017

10-12 Uhr | MITGLIEDERVERSAMMLUNG DER DNGPS

Offen für alle Interessierten!

12-14 Uhr | PANEL 6: DIE POLITIK DES AUSNAHMEZUSTANDES

Kevin Klug (HU Berlin): Ausnahmezustand und Recht: Mittels Giorgio Agamben zu einem kritischen Blick auf Asylrechtsverschärfungen
Thomas Mario Hirschlein (New School New York): Hamburg’s danger zones as a state of exception – A critical analysis drawing on Carl Schmitt and Walter Benjamin
Henning Gutfleisch (Uni Heidelberg): Die Verwaltung des Versehrten. Der Flüchtling als Ordnungsproblem

15-18 Uhr | PANEL 7: GEFÄHRDETE MOBILITÄT UND MIGRATION

Ingmar Zalewski (FH Potsdam): Prekäres Ankommen: Exklusionserfahrungen von aus Kamerun geflüchteten Menschen
Syntia Hasenöhrl (Uni Wien): Soziale Medien und politische Mobilisierung. Malisch-diasporische Subjektivierungsprozesse im Kontext hegemonialer Im/Mobilitätsregime
Annekatrin Kühn (TU Dortmund): Chancen und Grenzen aufenthaltsrechtlicher Regulierungen – Zur Lebenslage von Personen mit befristetem Aufenthalt
Carolina Knerr (FU Berlin): Bürokratie als Kontrollinstrument? Handlungsspielräume von Angestellten einer Berliner Notunterkunft im Netz der staatlichen Verwaltungsstrukturen
Maximilian Kiefer (Uni Tübingen): Von Vorteilen und Menschenrechten – Strategien zur Entsicherheitlichung von Migration und deren Einfluss auf den öffentlichen Diskurs in Deutschland

18 Uhr | ABSCHLUSS
WANN UND WO?
22. – 24. März 2017

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Sozialwissenschaften

Studentisches Wissen besser nutzen!

2011 an der Uni Osnabrück gegründet, hat die DNGPS ihr Netzwerk bundesweit und international ausgebaut. So sind wir regelmäßig auf Wissenschaftskonferenzen im In- und Ausland vertreten, setzen eigene Projekte und Veranstaltungen um oder arbeiten lokal mit Universitäten zusammen.

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